Wenn Lernen am WLAN scheitert
Es ist 2020 und der erste Lockdown ist in Deutschland im vollen Gange. Eine Mutter steht morgens an der Bushaltestelle, wahrscheinlich eine Geflüchtete aus Syrien, mit Hijab auf dem Kopf in einem Viertel der Großstadt, in der dies nicht weiter auffällt, mit dem Handy in der Hand. Sie verbindet sich mit dem öffentlichen WLAN des anhaltenden Busses, nicht etwa um noch schnell auf sozialen Medien zu sein oder die neuesten Nachrichten zu lesen. Nein, sie versucht schnell, die Schulaufgaben ihres Kindes herunterzuladen – diesmal sind es mehrere Dokumente, sie muss auf den nächsten Bus warten, der in zehn Minuten kommt, um die restlichen Aufgaben herunterzuladen. Zuhause gibt es kein Internet, kein Laptop, keinen Schreibtisch. Die Kinder sind zu dritt in einem Zimmer, alle im Homeschooling, aber nur ein Smartphone.

Diese Geschichte steht stellvertretend für viele: Bildung fand plötzlich digital statt, aber der Zugang dazu war höchst ungleich verteilt.
Die Illusion digitaler Chancengleichheit
Digitale Bildung wurde in den letzten Jahren als Fortschritt gefeiert. Aber was, wenn schon der Einstieg nicht für alle möglich ist?
- Kein eigenes Gerät, nur ein geteiltes Handy
- Kein WLAN oder nur ein befristetes Datenvolumen
- Kein ruhiger Ort zum Lernen
Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt:
„Digitale Teilhabe ist in einkommensarmen Haushalten nicht selbstverständlich. Je niedriger das Haushaltsnettoeinkommen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für ausreichende technische Ausstattung“1.
Viele Kinder konnten nicht im gleichen Maße am Unterricht teilnehmen. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil die Umstände es ihnen nicht erlaubten.
Wenn digitale Bildung zur sozialen Barriere wird
Auch der Teilhabeatlas Kinder und Jugendliche bestätigt diese Beobachtung:
„In Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie wurde offensichtlich, wie stark sich ungleiche Teilhabechancen durch digitale Bildungsangebote noch weiter verschärfen“2.
Besonders betroffen waren Kinder aus Haushalten mit mehreren Kindern, aus Familien mit Migrationsgeschichte oder mit einem alleinerziehenden Elternteil. Denn dort fehlte es oft nicht nur an Geräten, sondern auch an Unterstützung, Rückzugsmöglichkeiten oder einer stabilen Lernstruktur.
„In benachteiligten Regionen fehlen häufig nicht nur Geräte und Netzanschluss, sondern auch Unterstützungsangebote durch Familie, Nachhilfe oder Schule“2.
Stadt und Land – keine einfache Rechnung
Oft wird angenommen, dass städtische Regionen automatisch bessere Chancen bieten. Der Teilhabeatlas zeigt aber:
„Teilhabechancen sind nicht nur zwischen Ost und West oder Stadt und Land ungleich verteilt, sondern auch innerhalb von Ballungsräumen erheblich unterschiedlich“2.
So schneiden etwa ländlich geprägte Kreise wie Stormarn oder Harburg besser ab als manche Großstädte wie Bremen oder Duisburg. Es sind nicht automatisch urbane Zentren, die Teilhabe sichern – sondern die Kombination aus Investition, Infrastruktur und sozialem Netz.
Was sich ändern muss
Wenn digitale Bildung wirklich etwas mit Teilhabe zu tun haben soll, braucht es mehr als Technik.
Der Teilhabeatlas fordert:
„Teilhabe braucht verlässliche Strukturen, individuelle Förderung und flächendeckende Qualität in der Betreuung und Bildung“2.
Das bedeutet:
- Frühe und gesicherte Ausstattung mit digitalen Geräten für alle
- Schulen mit stabiler Infrastruktur, Konzepten und pädagogischer Begleitung
- Politik, die gezielt dort investiert, wo Teilhabe besonders gefährdet ist
Kein Kind darf offline zurückbleiben
Digitale Bildung kann Türen öffnen – oder neue Barrieren schaffen. Es liegt an uns, welchen Weg wir gehen.
Kein Kind sollte morgens an einer Bushaltestelle stehen müssen, um seine Aufgaben herunterzuladen. Nicht in diesem Land, nicht in dieser Zeit.
Digitale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in Haushalten mit geringem Einkommen – BBSR (2021)
- Digitale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in Haushalten mit geringem Einkommen – BBSR (2021) ↩︎
- Teilhabeatlas Kinder und Jugendliche – Wüstenrot Stiftung (2024) ↩︎
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.
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