Warum das Ehrenamt nicht für alle offen ist – und was sich ändern muss
Einleitung: Wer hilft, wenn Helfen ein Privileg ist?
Ohne Ehrenamt läuft in Deutschland wenig. Ob Freiwillige Feuerwehr, Tafel, Kinder- und Jugendarbeit, Sportvereine oder Flüchtlingshilfe – Millionen Menschen engagieren sich täglich. Das Bild ist oft: Ehrenamt ist für alle offen. Jeder kann sich einbringen, wenn er nur will.
Aber stimmt das?
Die Wahrheit ist: Nicht alle können sich Ehrenamt leisten. Engagement kostet Zeit, oft auch Geld – und beides haben Menschen in prekären Lebenslagen schlicht weniger.
Wer drei Jobs jongliert, alleinerziehend ist oder selbst finanziell kämpft, hat selten Ressourcen für freiwilliges Engagement. Trotzdem reden wir über Ehrenamt fast immer so, als wäre es eine Frage von Einstellung – und nicht von Möglichkeiten.
Fakten: Wer engagiert sich – und wer bleibt außen vor?
Laut dem aktuellen Freiwilligensurvey 2019 engagieren sich rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland ehrenamtlich1. Aber: Je höher das Einkommen und der Bildungsabschluss, desto wahrscheinlicher ist Engagement.
- 66 Prozent der Menschen mit Abitur oder Hochschulabschluss engagieren sich freiwillig
- Bei Menschen mit Hauptschulabschluss sind es nur 30 Prozent
- Menschen mit niedrigem Einkommen engagieren sich deutlich seltener als Besserverdienende
Der Grund ist nicht Desinteresse, sondern fehlende Ressourcen.
Zeit ist ein Privileg. Und Geld auch.
Warum Ehrenamt Geld kostet
Oft wird übersehen: Ehrenamt ist nicht kostenlos. Es gibt direkte und indirekte Kosten:
- Fahrtkosten (nicht immer erstattet)
- Materialkosten, von eigenen Handys bis zu Werkzeug oder Bastelmaterial
- Unbezahlte Zeit, die woanders fehlt – bei Kindern, Nebenjobs oder Erholung
- In manchen Fällen: Weiterbildung oder Pflichtschulungen auf eigene Rechnung
Gerade Menschen mit wenig Geld überlegen genau: Kann ich mir das leisten? Wenn sogar die Busfahrkarte zur Tafel ein Problem ist, ist Ehrenamt nicht mehr niederschwellig.
Zeitarmut – das oft unsichtbare Problem
Neben Geld ist vor allem Zeitarmut eine unsichtbare Hürde.
Wer in prekären Jobs arbeitet, häufig mit wechselnden Schichten oder ohne feste Arbeitszeiten, kann selten feste Ehrenamtstermine wahrnehmen.
Alleinerziehende, pflegende Angehörige oder Menschen mit mehreren Jobs erleben täglich einen Spagat, der kaum Luft für Engagement lässt.
Ehrenamt braucht Planungssicherheit – und genau die fehlt oft denen, die ohnehin am meisten kämpfen.
Strukturen, die ausschließen – ohne dass es auffällt
Viele Ehrenamtsstrukturen sind ungewollt exklusiv:
- Treffen finden nach Feierabend statt – für Menschen im Schichtdienst unpassend
- Engagement wird oft als selbstverständlich unbezahlt betrachtet – auch in Tätigkeiten, die echte Verantwortung tragen
- Die Erwartung: Man bleibt „aus Überzeugung“ dran – wer pausiert, wird schnell übersehen oder verliert den Anschluss
Hinzu kommt: Wer sich ehrenamtlich engagiert, wird oft auch sichtbar für Netzwerke, Jobs, Chancen. Wer nicht mitmacht, bleibt draußen.
Die unsichtbare Schieflage: Wer gestaltet unsere Gesellschaft?
Wenn vor allem Menschen mit stabilen Jobs, höherer Bildung und sicherem Einkommen ehrenamtlich aktiv sind, bedeutet das auch: Sie sind diejenigen, die gestalten.
- Sie organisieren Freizeitangebote
- Sie sitzen in Elternbeiräten
- Sie leiten Vereine
- Sie bestimmen oft, welche Angebote gemacht werden – und welche nicht
Aber die Perspektiven derjenigen, die wenig Zeit und Geld haben, fehlen.
Damit ist Ehrenamt nicht nur Hilfe – sondern auch ein Machtfaktor in der Gesellschaft.
Was sich ändern muss: 6 konkrete Forderungen
- Ehrenamt darf keine Kostenfalle sein. Fahrtkosten, Material und Aufwand müssen unbürokratisch erstattet werden.
- Flexiblere Strukturen. Nicht jede:r kann jeden Dienstagabend um 18 Uhr – digitale Formate, asynchrone Aufgaben oder Mikro-Engagement helfen.
- Bessere Anerkennung. Freistellungen im Job, Rentenpunkte für langjährige Ehrenamtliche, stärkere rechtliche Absicherung.
- Niedrigschwellige Angebote. Keine komplizierten Anmeldeprozesse, keine bürokratischen Hürden – einfach loslegen können.
- Mehr Sichtbarkeit für Engagement von Armutsbetroffenen. Denn viele helfen schon: in Nachbarschaften, in informellen Netzwerken – aber ohne offizielle Label.
- Politische Förderung. Ehrenamt braucht stabile, langfristige Finanzierung – nicht nur Projektgelder.
Fazit: Ehrenamt ist kein Hobby – es ist Demokratiearbeit
Wer sagt, „jeder kann doch mitmachen“, blendet aus, dass nicht jeder die gleichen Ressourcen hat.
Ehrenamt ist kein Geschenk von Einzelnen an die Gesellschaft – es ist ein Teil von Gesellschaft selbst.
Wenn wir wollen, dass wirklich alle teilhaben, dann müssen wir die Frage stellen: Wer kann sich helfen überhaupt leisten – und warum?
Denn:
Gute Gesellschaft funktioniert nicht ehrenamtlich – sie funktioniert, wenn Ehrenamt für alle möglich ist.
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